Märchen der Lebenswart

Die Märchen des Erlebnisweges wurden vom burgenländischen Schriftsteller Peter Wagner verfasst. Sie erzählen in poetischer Form einiges über die jeweilige Station.


Das Lachen des Schattens
Als der Schatten über das Land kam als vorläufig mächtigste Erfindung der Schöpfung, suchte man nach einer Heimstatt für ihn, denn auch das so Unsägliche wie Unvermeidbare muss hausen, damit es domestiziert sei. Die Menschen gruben in die Erde und schufen so die Wände. Sie nagelten Bretter zu einer Kiste. Sie gewährten dem Schatten die besten Kleider, die der Vorhandene zu Lebzeiten getragen hatte. So versuchten sie, den Tod versöhnlich zu halten. Er zeigte sich auch stets versöhnlich. In der Sache selbst, als mächtigste Erfindung der Schöpfung, war er freilich unerbittlich. Der Augenblick der Unerbittlichkeit, keine Sekunde wert und doch eine Ewigkeit, war stets begleitet von einem markdurchbohrenden Grinsen. Was die Menschen sonst noch rund um den Augenblick vollführten, wie sehr sie ihn in Welten teilten und in Hierarchien zerstückelten, um ihrer Eitelkeit weiterhin zu frönen, darüber grinste der Unerbittliche längst nicht mehr, darüber konnte er nur lachen.

(Märchen zur Station "Friedhöfe" in Oberwart)


Die Entstehung der Inseln
Als die Inseln sich erhoben aus der Einöde der grünen Meere wie die Rücken gewaltiger Reptile, spürten sie zunächst ein gewisses Unbehagen. Sie sahen einander an und wussten im Augenblick, dass es ihnen unmöglich sein würde, näher aneinander heranzurücken und einander anders zu begegnen als aus der zeitlosen Ferne. Wer sich aber aus dem endlosen Grün der Meere erhebt, tut es nicht, um brach zu liegen, und so erfanden sich die Inseln eine List: Sie erschufen sich laufendes und fliegendes und schwimmendes Volk, das die Samen der Bäume und Gräser und Früchte von einer Insel zur nächsten trug und den Inseln ein stetes Blühen bescherte. Dennoch schlummerte weiterhin die tiefe, oft nur mühsam verborgene Melancholie in den Leibern der Eilande. Sie bezeichneten sich selbst als störrisch, rechthaberisch und beäugten alles Volk, das auszog und zuzog, mit dem gewissen Misstrauen, das dem zueigen ist, der es sich eingerichtet hat in der eigenen Gefangenschaft.
(Märchen zur Station "Romanische Kirche" in Siget)

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